Wer ist bitte in Widin?

Nach einem kurzem Aufenthalt in Sofia ging es mit dem #DANUrB Projekt dieses Mal nach Widin und später für kurze Zeit und beinahe touristisch organisiert nach Bucharest, Giurgiu, Ruse und Silistra. Ein Monsterprogramm – keine der hier genannten Städte habe ich je vorher besucht. Von einigen hatte ich vor Projektbeginn nicht Mal gehört. In den vergangenen Wochen hatte ich die Möglichkeit diese weiße Flecken auf meiner Landkarte mit etwas Farbe zu bekleckern. Für Widin war etwas mehr Zeit drin.

Vidin_Umbrella

In Widin sind nur mehr wenige. Seit Bulgarien nicht mehr zur UDSSR gehört lief es für die Stadt nicht mehr recht. Die großen Industrieanlagen am Stadtrand wurden geschlossen, der Straßenbelag wird seitdem nur mehr spärlich erneuert. Wer noch hier ist konnte sich von der Stadt nicht trennen oder ist zurück gekommen. Nicht alle werden im Westen glücklich. Widin ist auch alt und jung zugleich – die Mitte fehlt vollständig. Nur spärlich sieht man Menschen über 18 und unter 40. Einige Kinder haben ihre Eltern seit Monaten nicht mehr gesehen. Großeltern bekommen traurige Augen wenn Sie von der Brücke im Norden der Stadt sprechen: Ihre Liebsten verlassen die Stadt und fahren über die Brücke nach Europa. Europa in Rumänien, für andere beginnt es erst später: Österreich ja, aber eher Deutschland – der Pott lockt hier viele: Dortmund, Offenbach, Frankfurt, Köln – hier überall gibt es Communities aus der Region.

Vidin_Calafat Brücke40.000 aus einer Stadt, in 15 Jahren. Es ist zum heulen. Die Hoffnung war groß, dass mit der Donaubrücke auch die Arbeitsplätze zurück kehren. Mit jedem Tag der seit der Eröffnung der New Europe Bridge ins Land zieht wird die Brücke mehr zum Symbol für den Verkehr der an Widin nicht interessiert ist; gleich wie die Donaukreuzer samt Touristen. Die einen wollen schneller von Nord nach Süd, von Süd nach Nord, Ost nach West und West nach Ost. Die anderen wollen zu den beiden Hauptsehenswürdigkeiten: die am besten erhaltene Festung entlang der Donau in Bulgarien und das Hinterland. In Widin wollen sie alle nicht bleiben – nicht mal zum Abendessen, das gibt’s am Schiff oder am LKW Rastplatz.

Dabei hat die Stadt was zu bieten. Zwei außerordentlich kunstvoll bemalte orthodoxe Kirchen, eine kleine aber wundervolle Moschee die inzwischen der Blockgebäude an die osmanische Besetzung erinnert; eine nicht mehr vorhandene Stadtmauer die heute zum Flanieren einlädt und und eine ausgebrannte Synagoge. Außerhalb der historischen Stadtmauer strotzt Plattenbau von Individualität. Mit dem Ende des Kommunismus wurden ihre Bewohnenden zu Besitzenden und erlaubten sich Zubauten, Wintergärten, neue Farbanstriche. Kommunistische Moderne prägt das Stadtzentrum; Restaurants und Bars laden zum Verweilen ein. In den Sommermonaten gibt es zahlreiche Festivals.

Vidin_Blocks_detail

Einige der Bewohnenden von Widin sind gebrochen von unerfüllten Versprechungen aber stark. Sie wirken erst ratlos, vielleicht etwas verschlossen und freuen sich dann über gebrochenes Bulgarisch. Sie stehen zu ihrer Stadt und wünschen sich ein paar Touristen mehr. Sie stehen zu ihrer Stadt und warten auf die versprochenen Investments der Logistikbranche. Auf beides sind sie schon jetzt vorbereitet. Schon bald – so hieß es – müssen sie nicht mehr zwei und mehr Jobs machen um am Ende des Monats die Rechnungen bezahlen zu können. Würden die Touristen nicht jeden Tag zum Frühstück, Mittag- und Abendessen auf ihr Schiff zurück kehren wäre hier allen geholfen. Würden die LKWs stehen bleiben könnte das eigentliche Ziel der Brücke in greifbare Nähe rücken.

Vidin_Europa

Das ist ein Reiseaufruf in eine Stadt die Geschichten erzählt die für Menschen aus dem Westen schwer nachvollziehbar sind. Widin ist Europa. Fotos aus diesem Europa findet ihr hier. Für DANUrB Reiseberichte aus Golubac und Backa Palanka klickt auf die entsprechenden Links. Zum Giurgiu Shipyard geht’s hier.

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