Mauergedanken

„Vollkommen irrational! Vollkommen sinnlos!

Denn dir große Mauer ist zugleich ein Beweis für die Unfähigkeit der Menschen, sich in diesem Teil unseres Planeten miteinander zu verständigen, die Unfähigkeit, einen runden Tisch einzuberufen, um gemeinsam zu beraten, wie man die gesammelten Ressource menschlicher Energie und menschlichen Denkens nutzbringend verwenden könnte.

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Foto: Mathias Apitz, 2014; URL: https://goo.gl/l55m03

Diese Hoffnungen erwiesen sich als Wunschtraum, dann die erste Reaktion auf eventuelle Probleme bestand darin; eine Mauer zu bauen. Sich abzuschotten, sich abzugrenzen. Dann das, was von draußen kommt, VON DORT, kann nur eine Bedrohung darstellen, eine Ankündigung des Unheils, einen Vorboten des Bösen, ja, die Verkörperung des Bösen schlechthin.

Eine Mauer dient allerdings nicht nur der Verteidigung. Denn während sie uns gegen das schützt, was uns von außen bedroht, gestattet sie uns auch, das zu kontrollieren, was im Inneren vor sich geht. Die Mauer hat schließlich Durchgänge, Tore und Einfahrten. Wenn wir diese bewachen, können wir überprüfen was im Inneren vor sich geht. Die Mauer hat schließlich Durchgänge, Tore und Einfahrten. Wenn wir diese bewachen, können wir überprüfen, wer hereinkommt und wer hinausgeht, wir können fragen und examinieren, ob er eine gültige Genehmigung besitzt, wir können uns die Gesichter anschauen, beobachten, uns einprägen. So eine Mauer ist also gleichzeitig Verteidigungsschild und Falle, Schutz und Käfig.

Der schlimmste Aspekt der Mauer besteht jedoch darin, dass sie in vielen Menschen eine Haltung von Mauerverteidigern entstehen lässt, dass sie ein Denken hervorbringt, in dem durch alles eine Mauer verläuft, die unsere Welt in Böse und Niedrige – die da draußen – und Gute und Höherstehende – die drinnen – einteilt. Im übrigen braucht so ein Verteidiger gar nicht direkt an der Mauer zu stehen, er kann sich weit weg von ihr befinden, denn es genügt, dass er ein Bild der Mauer verinnerlicht hat und sich nach den Regeln richtet, die ihm die Logik der Mauer auferlegt.“

Dieser Textauszug stammt aus Meine Reisen mit Herodot_Reportagen aus aller Welt von Ryszard Kapuscinski und wurde hier aus Europäisch aktuellem Anlass gepostet. Kapuscinski notiert seine Beobachtungen nachdem er seiner Chefredaktion im Moskau der Nachkriegszeit mitgeteilt hat, dass er Recht gerne mal eine Grenze überschreiten würde – 1958 fliegt er nach China. 

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