der russ

Heute, zum 1. November ein Gedicht das zum nachdenken anregt. der russ von Peter Sedlmaier erschien 1983 in der Textsammlung „Ohne Konservierungsstoffe: Neue Texte der Autorengruppe Schattenschrei aus Regensburg“. Gemeinsam mit drei weiteren kritischen Zeitgeistern verfasste er Texte, die bis heute ihre Gültigkeit haben.

der russ

„ein schmutziges gelbbraunes t-shirt, das ab der gürtellinie wie in öl getaucht und dann getrocknet aussieht. einer vom trupp, der mit dieser höchst bemerkenswerten spitzen adlernase, fragt, ohne es natürlich böse zu meinen, er fragt also, warum denn sein hemd so schmutzig sei? der russ sagt, daß es gewaschen ist, leise sagt er’s, etwas unsicher.der vorarbeiter meint, daß er einen mit genauderselben jacke wie die vom russ auf einer parkbank hat liegen sehen, in einer kalten nacht, mit einer billigen flasche rotwein nebendran, sagt er.“vorbestraft?“ hat die personalarbeiterin bei der einstellung gefragt un der russ hat erst ein scherzchen versucht, das ihm mißglückt ist und hat dann „ja“ gesagt. gleich darauf ist er kurz aufgebraust, als er unterschreiben hat sollen, daß er sich von nicht verfassungskonformen bewegungen und gruppen fernhalten soll. dann hat er noch kurz gegen den staat geschimpft und unterschrieben.

er ist drei wochen bei uns gewesen, der russ, hat sein bier getrunken wie jeder andere, die ersten tage sogar auf vorschuß.dann ist er woanders hingekommen, durchs sozialamt oder so.bei uns hat er es gut gehabt, der russ.“

Peter Sedlmaier, 1983

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