Mailänder Tagebuch #4

Eine gemütliche Runde älterer Damen und Herren – alle über 70 Jahre – sitzen sich im Park gegenüber. Entlang der Wege öffnen sich kleinere und größere Plätze. Kreisförmig sind Sitzbänke angeordnet. Hier treffen sich vor allem diejenigen, die in ihrem Leben bereits genug gearbeitet haben. Die meist italienischen Herren und Damen diskutieren, scherzen, schimpfen und bewerten das aktuelle Tagesgeschehen. Hier in Mitten des grünen Mailands wird der Bau des Berliner Flughafen angesprochen, ebenso wie die guten und schlechten Seiten der EXPO 2015. Die steigende Anzahl an irregulären Grenzübertritten am Brenner und nun auch im nördlichen Europa sind ebenso präsent wie der Papstbesuch. Einer in der Gruppe hat den Corriere della Sera dabei und liest seinen Bekannten und Freunden die wichtigsten Notizen laut vor. Anschließend werden dem jeweiligen Thema etwa 5 Minuten gewidmet. Wer grade kein Interesse hat spricht über andere Sachen: Tango, Briscola oder klassisch: Fußball.

Parco della Martesana, 2014. photo: luiginter

Parco della Martesana, 2014. photo: luiginter

Plötzlich kommt eine Gruppe Jugendlicher mit Migrationshintergrund vorbei – die, die heute gern als Migranten zweiter Generation bezeichnet werden. Ein zurecht recht umstrittener Begriff. Auf Frage eines der anwesenden älteren Herren hin geben die Jungs an, zwischen 14 und 16 Jahren alt zu sein. Gekleidet in mailändisch-modischer Perfektion hatten sich die Jungs am nahe gelegenen Brunnen Wasser geholt. Als der Alte frägt ob sie den tanzen würden wird gelacht. Er behauptet, dass Nicken mit den Köpfen nichts mit tanzen zu tun habe und fordert die Jugendlichen auf zu tanzen. Hier! Und tatsächlich: Nach kurzer Suche wird eine Musik angemacht die sich circa SO anhört – einer fängt sich an zu bewegen. Zwei, drei Breakdance-Moves. Nach kurzer Pause noch zwei, drei weitere Moves. Der alte Mann steht auf und bewegt jetzt auch seine Hüften, die Crowd – vorher noch eifrig diskutierend – klatscht und johlt. Was ich im Parco della Martesana, – einem Park am Rande des dem Stadtzentrum am nächsten gelegenen ‚Problembezirks‘ erlebe, ist gelebte Integration. Nur wenige Minuten später sind die Jungs verschwunden. Die älteren Herren und Damen ebenfalls.

Hier gehts zu den vorheringen Tagebucheinträgen #1 #2 #3 #5.

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