Belletristik – lehr‘ mich nicht urteilen.

Urlaubstage. Losgelöst von Zeit und Raum lesen viele. Ich auch. Meist später, abends oder unterwegs in Zug und Flugzeug finde ich die Muse, die ich brauch um Romane lesen zu können. Das Schöne am Lesen von Romanen ist, dass sie ihren LeserInnen die Möglichkeiten abzutauchen, um neue Welten und Themen erschließen zu können. So wird es zum Portal für Neues und unbekannte Welten.

Frühling, Photo: Michael Anranter, 2013

Frühling, Photo: Michael Anranter, 2013

Unterwegs also, widmete ich mich kürzlich einem Romen, der all diese Kriterien übertraf. 1978 erschien „Der zerrissene April“ wurde von Albaniens bekanntestem Autor Ismail Kadare verfasst und setzt sich intensiv mit der Tradition der Blutrache auseinander und zwingt seine LeserInnen zu einer Auseinandersetzung mit den eigenen Wertekategorien. Angesiedelt im albanischen Hochland, ist es an Gjorg Berisha die Generationen umspannende Fehde mit den Krygeyqes auszutragen. Györgs Familie und das vorherrschende Gewohnheitsrecht Kanun drängen den jungen Gyorg zum Mord. 30 Tage bleiben Gyorg nach dem Mord, dann ist er vogelfrei. Er nutzt die Tage und zieht in die Berge, zahlt Blutzoll in Orosh und erfährt die Natur. Erzählt werden Kraft und Magie des Kanun von Besian und Diana Vorspi, einem Ehepaar auf Hochzeitsreisen. Er ist fasziniert von dem Hochland und den Mythen die sich um den Kanon hier ranken. Nur einmal treffen sie auf der Reise den wandelnden Gyorg: Ein Blickwechsel mit Diana Vorspi reicht aus, um Faszination der Thematik auszudrücken. Der Kanun wird zur alles bestimmenden Macht.

Für mich ist das albanische Hochland der 30’er Jahre eine Traumwelt. Hier bestimmen Regeln die ich so nicht nachvollziehen kann. Alltäglich, befriedigend und gerecht ist die Blutrache laut jenen die mit ihr leben. Diese Vorstellung ist zunächst fremd aber regt zum nachdenken an. In seinem Roman beleuchtet Kadare Blutrache und Kanun aus verschiedenen Perspektiven: Gelehrte, Verfolger, Verfolgte, Interessierte, Wirte, Steuereintreiber und Dorfgemeinschaft. Sie alle beziehen sich auf traditionelle Formen ausgleichender Gerechtigkeit. Auge um Auge, Zahn um Zahn ist das Prinzip – Mildtätigkeit und Vernunft geben Hoffnung. Trotz aller Unverständnis bleibt bei mir aber eines Hängen: Das scheinbar Unvorstellbare ist hier zum traditionellen Kontext geworden. Ich kann aber höchstens meine eigenen Werte reflektieren, was konnte ich mir selbst nie vorstellen?

Ismail Kadare ist der bekannteste Schriftsteller Albaniens. „Der zerrissene April“ ist Kadares beeindruckend, verstörend und hart. Es lässt einen vorerst nicht los.

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