Brenner: Unrechtsgrenze.

Damals, nach Ende des ersten Weltkrieges wurde am Brenner eine Grenzlinie gezogen die von Vertretern eines essentialistischen Kultur- und Zugehörigkeitsverständnisses zur Unrechtsgrenze deklariert wurde. Hier wurde ein Keil zwischen die BewohnerInnen des südlichen und des nördlichen Tirols getrieben. Südtirol ist seitdem Italien; der Begriff Unrechtsgrenze hat sich mir erst heute erschlossen.

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Brenner. Die Unrechtsgrenze. photo by stadtgeselle.

Mit dem Zug von Bozen nach München
12.34 Uhr, der EC von Verona nach München fährt am Bahnhof ein. Die Minuten vor Abfahrt des Zuges werden von Bildern geprägt, die auf eine Verhandlung der europäische Unrechtsgrenze Brenner hinweisen – ausgetragen auf dem Rücken all jener, deren Hautfarbe vom weißen Ideal abweicht. Über ein Dutzend Polizisten stehen an den Bahnsteigen bereit und formen einen Kessel für all jene, die keine gültigen Papiere für das europäische Ausland haben. Sie müssen am Bahnsteig bleiben, dürfen den Zug, trotz gültiger Tickets und das Recht auf Mobilität innerhalb der Provinz Bozen den Zug nicht betreten. Wer sämtliche Bedingungen erfüllt wird mehrfach kontrolliert. Ich gehe durch die menschlichen Absperrungen, niemand kontrolliert mich – ich bin weiß.

Der Zug ist sauber
Eine Stunde dauert die Fahrt bis an den Brenner. Eine Station eher war ein Beamter der österreichischen Polizei zugestiegen, ein deutscher Kollege ist bereits ab Bozen mit dabei. Gemeinsam patrouillieren die Polizisten durch den Zug. Ihr gemeinsamer Auftrag ist durch die Verträge von Dublin bestimmt: das Erstaufnahmeland ist und bleibt verantwortlich für EinwandererInnen. Der Begriff Unrechtsgrenze wird allmählich greifbar. Am Brenner erfolgt die Übergabe des Zuges an das deutschsprachige Polizei-Tandem. Lapidar sagt ein italienischer Polizist zu seinen Kollegen: Der Zug ist sauber!

Unrechtsgrenze reloaded
Wer in Italien ankommt, muss dort bleiben, darf nicht weiter gen Norden reisen. Die Gefahr der Unrechtsgrenze liegt in der zu erwartenden Zunahme an irregulären Aktivitäten an innereuropäischen Grenzübergängen. Wer weiß wann und wie viele Personen schon bald wieder in Lkw’s oder zu Fuß von Italien nach Österreich reisen werden. Oft spärlich bekleidet und weiteren Schleppern ausgeliefert. Auf der Zugfahrt finde ich die Zeit Fragen zu stellen und Antworten zu suchen.

Wie sinnvoll ist das Verschärfen von Grenzkontrollen innerhalb Europas? Vielleicht ist die bedingungslose Ausgabe der italienischen Staatsbürgerschaft ab Ankunft in Italien die einzige langfristige Chance für die Demontage der Unrechtsgrenze. Auf jeden Fall wäre es eine mögliche Unterwanderung des europäischen Migrationsregimes – eine Form die zunehmend in den Kontext der italienischen Grenzpolitik passen könnte. Mit 107 Minuten fährt der Zug Stunden später am Bahnhof Wien West ein. Ich gehe zu meinem zweiten zuhause. Diejenigen ohne Papiere blieben zu Hause; sie durften nicht weiter.

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