Zu Eugene Emmanuel Viollet-Le-Duc

Rational-formale Gotikrezession für fiktive Idealzustände – oder: Ob sich Immaterielles von Architektur unterscheidet?

 von Alexander Herrle/ Michael Anranter

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Der Beitrag, ursprünglich verfasst von Alexander Herrle, Architekturstudent und Mitbewohner, befasst sich mit dem Umgang von historischen Formen und dem Sinn zunehmender Rationalisierung, sowie der darin enthaltenen Möglichkeit zur Modifizierung und Imitation nach Eugene Emmanuel Viollet-Le-Duc. Als ich den Text erstmalig lesen konnte, fiel mir auf, dass es einige Korrelationen zum Umgang mit immateriellem Kulturerbe gibt – ähnliche Fragestellungen mit verschiedenen Lösungsansätzen? Was ist wert erhalten zu werden? Wie soll erhalten und gepflegt werden? Welche Rolle spielt im immateriellen die Ästhetik?

Viollet-le-Duc gilt als einer der einflussreichsten Denkmalpfleger-Architekten des 19. Jahrhundert in Europa. Akribische Bauforschung mit exakten Zeichnungen, das Verständnis von Baukonstruktionen und Techniken und ein umfassendes Literaturstudium machten ihn zum Experten mittelalterlicher Bauarten. In Publikationen sammelte er seine Erkenntnisse und bildete damit die Grundlage für nachfolgende Architekten und Theoretiker. Hervorzuheben ist das zehn Bände umfassende „Dictonnaire raisonne de l´architecture francaise“ das, wie kein anderes Werk bis heute eine Basis für mittelalterliche Architektur darstellt. Über die Theorie hinaus wandte er sein Wissen auch praktisch an. Mit 26 Jahren restaurierte Viollet-le-Duc die ehemaligen Benediktinerabteikirche St. Madeleine in Burgund und übernahm später unter Anderem die Restauration des Notre Dame in Paris. Dort finden sich auch Muster die später für sein architektonisches Schaffen symptomatisch werden. So werden fehlende Elemente nicht nur ersetzt, sondern mit neuen Elementen ergänzt um eine stetige Annäherung an das Mittelalter herbeizuführen. Die fiktiven Idealzustände werden Viollet-le-Ducs Architekturtheorie begleiten.

Viollet-Le-Duc beschäftigte sich stets mit der Wiederherstellung des Vergangenen und veränderte damit Architekturen nachhaltig. Das angleichende Moment der Rekonstruktion, steht auch im Zusammenhang mit dem vermeintlichen konservieren des Vergangenen. Dies gilt für gebaute, ebenso wie für nicht-gebaute Architekturen, Künste, Rituale und Bräuche. Es stellt sich also die Frage nach dem Sinn und Unsinn des Konservierens.

Grundlage für Viollet-le-Duc bildeten soziale Hintergründe: Architektur ist unmittelbarer Ausdruck sozialer Struktur (Kruft, 2004: 326). Erst mit dem Aufbegehren der Monarchie und des Klerus zum Ende des 12. Jahrhunderts konnte im Frankreich des 12. Jahrhunderts ein Gefühl von Einheit geschaffen werden. Merkmal der post-revolutionären Machtverhältnisse wurde das Errichten von Kathedralen. Die Religion selbst wurde allerdings nicht per se, sondern alleine in ihrer Kombination geistiger und weltlicher Macht bedeutend. Die Relevanz geistiger Bauten manifestiert sich somit insbesondere in den Möglichkeiten der finanziellen und entscheidenden Beteiligung der BürgerInnen. Daraus schloss Violett-le-Duc, dass Kathedralen nationale Bauwerke und Symbol französischer Nationalität seien – Zeitgleich bildete sich eine neue Architektur und Ikonographie heraus…die Gotik.

Die historisch/ soziale Situation des 12. Jahrhunderts überträgt Violett-Le-Duc auf das Frankreich des frühen 19. Jahrhundert. Infolge der Französischen Revolution wird der feudalabsolutistische Ständestaat abgeschafft und es folgt die Aufklärung. Viollet-le-Duc kombiniert die gesellschaftspolitischen Veränderungen mit der Forderung zur Rückkehr zu jener nationalen Architektur der Kathedralen. Andere Epochen werden dabei mit der simplen Argumentation abgetan: „Da die Gotik entartet war, bediente sich die Renaissance der Antike. Heute, da die Renaissance ihrerseits verbraucht ist, wollen wir uns wieder der Gotik bedienen“ (Viollet-Le-Duc, 1842: 347). Viollet-Le-Duc versteht Architektur als evolutionären Prozess und die Gotik als eine Entwicklung, die aus den vorgehenden rationalen Stilen hervorgegangen ist. Er erkennt und akzeptiert seinen historischen Ort und die damit verbundene Befangenheit in der eigenen Geschichte.

Viollet-le-Duc geht es nicht um die Imitation der Gotik, sondern um das Aufgreifen rationaler Prinzipien. Als Ausdruck demokratischen Ordnung, sollen gotische Prinzipien zum Vorbild für die Architektur seiner Gegenwart werden. Doch was kann unter rationaler Architektur verstanden werden?

Zum einen gibt es Architektur, die eine Funktion effizient und ökonomisch erfüllt. Andererseits kann Architektur nach Form und Ausdruck suchen, die ihre Funktion dialektisch ausdrückt und den BesucherInnen ein visuelles Argument bietet. So ist die Kathedrale ein Spiel zwischen zwei Rationalitäten – diese, der Gotik innewohnenden Zweideutigkeit, findet bei Viollet-le-Duc Anklang. In seinem Werk „Entretiens sur l´árchitecture“ (1858-72) argumentiert er, in antiken Bauweisen den Beweis dafür gefunden zu haben, dass alle gute Architektur im Rahmen ihrer damaligen Möglichkeiten, rationale Architektur sein muss

Vom Konservieren und Wiederherstellen

Viollet-le-Ducs Architekturauffassung beinhaltet, neben der stilistischen Restauration, auch das Wiederherstellen angenommener Konstruktionen. Tatsächlich ist die Bedeutung von Baukonstruktion und Materialfrage eminent; in den gotischen Kathedralen findet er die Manifestation seiner Baugesinnung und bezeichnet Architektur als Resultat der Baukonstruktion.

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Wie die meisten seiner Kritiker, fordert auch Viollet-le-Duc, dass das Material selbst erscheine und nicht im Widerspruch zu einer zusätzlichen Bekleidung stehe: „In unseren Augen wenigstens ist es die erste Tugend der Baukunst, Bedürfnis und Notwendigkeit nicht zu vertuschen, sondern sie im Gegenteil sehen zu lassen, daraus den glücklichsten Gewinn zu ziehen und sie mit einer schönen Form zu bedecken“ (Eugen Viollet-le-Duc, 1846 :267). Er unterstreicht dies indem er die konstruktive Form mit und ohne Bekleidung nebeneinander stellt: „[…] die Materialien müssen vernünftig eingesetzt werden, ihren Eigenschaften folgend; dass es weder Missbrauch der Stärke noch Exzess der Leichtigkeit gibt; dass diese eingesetzten Materialien ihre Funktion durch die Form anzeigen, […] die zu ihrer Natur passen, einen Einklang untereinander haben.“ (Viollet-le-Duc, 1846: 472). In diesem Zitat formuliert Viollet-le-Duc letztlich 26 Jahre vor Louis Sullivans das eine Prämisse die dem Diktum „form follows function“ zum verwechseln ähnlich scheint. Für Viollet-le-Duc impliziert dies nicht nur die konstanten Prinzipien, sondern auch die variablen Prinzipien, also soziale und historische Voraussetzungen.

Verwunderlich ist, dass Viollet-le-Duc keine Abneigung gegen die Konstruktion bestimmter Bauwerke, wie etwa dem Eiffelturm hat; im Gegenteil. Die gotische Architektur ist Inbegriff technischer Rationalität und – wie die Moderne – einer wissenschaftlichen Herangehensweise geschuldet. Nur konsequent, dass er den Eiffelturm, das stählerne Manifest zum 100-jährigen Jubiläum der Französischen Revolution, als „Kirche der technologischen Rationalität“ betrachtete.

Überraschend ist, dass Viollet-le-Ducs Zugeständnis an die neuen Materialien sich vor allem in neogotischer Architektur zeigte, was im Widerspruch zu seine eigenen Überzeugungen stand. Sein Warnen vor einer Architektur aus zweiter Hand, als die er beispielsweise die Renaissance begreift, verselbständigt sich von Viollet-le-Duc nun in einer neogotischen Architektur. Dass Viollet-le-Duc in den 1860’er Jahren die Ruinen von Schloss Pierrefonds für Napoleon III. in ein Märchenschloss verwandelte zeigt letztlich auf, wie weit er sich inzwischen von seinen eigenen Zielen und Idealen entfernt hat.

Bleiben Menschen, wenn Sie einen Brauch wiederbeleben beim unmittelbaren Ursprung? Werden neue Technologien, Materialien eingeführt und ihre Darstellung verkommt dadurch zur Imitation? Über hundertfünfzig Jahre später bleibt daher der Gedanke, dass die Restauration des Vergangenen stets eine Annäherung an die eigene historische Position darstellt. Selbst wenn wir versuchen die Rekonstruktion ihre realen Dimensionen zu übertreffen, dürfte es nach Viollet-Le-Duc schwierig sein die doppelte Funktionalität einer Disziplin und Kunst zu überwinden.

Das frappierende der Architekturtheorie des neuen Rationalismus von Viollet-le-Duc ist die Janusköpfigkeit der Zweckmäßigkeit: Konstruktion und Ornament verschmelzen zu lassen; zugleich jedoch der Eisenarchitektur eine stilbildende Kraft abzusprechen und somit als Material moderner Architektur außer Acht zu lassen. Wenn er glaubte die Idee der historischen gotischen Kathedrale wieder zutage zu fördern, so realisierte er meist nur einen Zustand, der in keinem Augenblick dem restaurierten Zustand entsprach, in dem für sich genommen alle Teilstücke einmal bestanden hatten.

Es bleibt also ein einzigartiges detailliertes Werk das Abseits der theoretischen Hintergründe eine umfassende Sammlung gotischer Architektur und Stilmittel bildet und bis heute seine Verwendung in der Denkmalpflege findet und dort einen der beiden Pole darstellt.

Literaturverzeichnis

Kruft, Hanno-Walter (2004): „Geschichte der Architekturtheorie – von der Antike bis zur Gegenwart“, C.H. Beck Verlag.

Eugen Viollet-le-Duc (1846): “Dictonnaire raisonne de l árchitecture IV”, OpenSource: http://goo.gl/qXCX88

Bildnachweis 

Bild 1: „France – Pierrefonds“, Antonio Bonte

Bild 2: „Fortifications of the Castle“, Guillaume Speurt

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