Wohnen bei twitter.com – gleich neben der Startseite!

Heute mal weniger wissenschaftlich. Im Rahmen der Blogparade „twenty.twenty – exploring the future“ soll das Internet als Heimat diskutiert werden. Die Themenstellung ist breit und lässt viele Konnotationen und Verständnisse zu. So lehrt uns etwa Wikipedia, dass Heimat auf eine Beziehung zwischen Mensch und Raum hinweist. Gleich im nächsten Satz wird ausgeführt, dass eben der Raum nicht irgendeiner sein kann, sondern dass in eben diesem Raum der Heimat Sozialisationserlebnisse stattfinden oder stattgefunden haben. Nun ja, aus der Vielfalt an Sozialisationsereignissen die uns Menschen beim Vergreisen begleiten, kann erahnt werden, dass eine Definition von Heimat wohl ähnlich vage bleiben wird, wie Marc Auge‘s Konzeption der Nicht-Orte.

Unbeachtet dieser doch recht grundlegenden Schwierigkeiten bei der Definition des Heimatbegriffes, argumentiere ich, dass das Netz nicht zur Heimat werden kann. Dies kann und darf natürlich von allerlei Netz-affinen UserInnen zerpflückt werden. Likes, Comments oder Retweets; nur wenige von zig-Formen der Anerkennung oder auch der öffentlichen Rüge –  bedient euch!

Nicht ohne Grund biete ich euch drei, nicht alle, und auch nicht nur eine der Möglichkeiten zur medialen Teilnahme an. Alle hier zur Verfügung gestellten Handlungsmöglichkeiten sind Synonym für Kommunikation, Partizipation, und Präsentation – und genau: die Selbstinszenierung ist auch dabei! Die Möglichkeiten selbst stammen aus den Netzwerken Facebook, WordPress und Twitter und stellen meine persönlichen Kanäle im Internet dar. Es sind drei von unzähligen sozialen Knotenpunkten innerhalb des Netzes, die eigentlich wie Städte funktionieren.

Ich möchte noch einen weiteren Bogen spannen: Citi(y)zenship in Form kommunikativer Teilhabe wurde in den vergangenen Jahren vermehrt auf das Konzept „Stadt“ zurückgeführt – eine Urbanisierung und Regionalisierung wurde vorgenommen (z.B. E. Isin). Auch in Europa konnten wir feststellen, dass das große Ganze (zB. EU – Identitätskrise) selten als Heimat empfunden wird. Das Internet ist auch groß. Aber: Unterschiedlichste Formen der kommunikativen Teilhabe, begrenzt auf 140 Zeichen, in Sprechblasen dargestellten Sätze: Das ist ein Sozialisationserlebnis.

Vielleicht sollte ich das ganz mal etwas veranschaulichen: Twitter bleibt zunächst meine Stadt, die unterschiedlichste Serviceleistungen für mich, meine Follower, deren Follower, die Follower von Hashtags und auch noch alle anderen übernimmt. Wenn ich möchte, dann nutze ich die Chance und bewege mich durch die Stadt, lese Tweets und entscheide mich dann vielleicht nochmal von @irgendwer zu lesen. Wer nun Sozialisation etwas enger begreift und auf den Moment der Zugehörigkeit gesonderten Wert legt, möchte ich darauf verweisen, dass es auch Gruppen, Direktnachrichten und andere Möglichkeiten gibt – jedoch vom Benutzerverhalten abhängig ist. Dass die gegebenen Möglichkeiten von Stadt zu Stadt, oder Anwendung zu Anwendung unterschiedlich sind, stellt kein Problem dar.

Heimat, von Matthias Werner

Heimat, von Matthias Werner

Dennoch würde ich weiter nicht behaupten, dass das Internet meine konservativ interpretierte Heimat darstellt. Ich kann selbiges auch nicht über Wien sagen. Aber es gibt einzelne Orte an denen ich mich zumindest heimisch fühlen kann, trotz später Phasen der Sozialisierung (ich denke 25 Jahre fällt laut Wikipedia Definition nicht mehr unter Kindesalter) Aber ist es ein Unterschied ob wir uns heimisch fühlen, oder ob etwas die Heimat ist? Ich würde argumentieren: Klar, geographisch – Inhaltlich? Nicht zwingend. Der Punkt aber ist, dass Heimat auch neu gewonnen werden kann. Somit besitzt sie als Emotion durchaus einen temporären Charakter, was Mensch+Raum+Zeit bedeuten würde.

Es liegt also nun an uns innerhalb dieser unterschiedlichen Netzwerke, die wie als Stadt einen Rahmen für die eigene räumliche Einheit bilden, eben diese Orte auch im Internet zu erkennen und wahrzunehmen. Einfach gesagt: Wo bin ich selbst auf Twitter zu Hause? Klar: Die eigene Profilseite – das Zimmer. Hierin kann ich mich zurückziehen, entscheiden ob ich kommunikativ oder verschlossen sein möchte, an Diskussionen teilnehmen, durch die Gruppe scrollen oder auch gar nichts machen. Im Schnelldurchlauf könnt‘ ich vor dem Spiegel stehen und mögliche Profilfotos testen. Die Profilseite ist, außer im Katastrophenfall, immer genau an derselben Adresse – unsre Wohnung hat dieselben Eigenschaften. Eigentlich gehören sie fast zusammen.

Sozialisation geschieht durch das Herausarbeiten von Gemeinsamkeiten und Unterschieden. Beschränken wir die möglichen Phasen der Sozialisation auf die frühesten Stadien unserer Kindheit, verlieren wir viele Momente der Zugehörigkeit die uns seit Auszug aus dem Kinderzimmer prägen. Viel frequentierte Orte und soziale Kontakte können zumindest in unmittelbarer Abwesenheit von stärkeren Bindungen doch sicher auch ein Erlebnis der Heimat verursachen?

Das Internet an sich ist wohl seltener Konkurrenz für andere, traditionelle Räume der Heimat. Einzelne Anwendungen scheinen zu groß und unübersichtlich, verbergen Seiten von denen UserInnen nie erfahren. Aber die eigene Profilseite, deren Eigenschaften und einhergehende Möglichkeiten zur Selbstverwirklichung, sind mit den zunehmenden Möglichkeiten der Personalisierung und ihrer Kontinuität durchaus zu einem Raum geworden in dem ich mich wohl, vielleicht heimisch fühle. Mir scheint, als wäre den traditionelleren Räumen der Heimat, in manchen Situationen noch ein weiterer, neuer Raum eingeschoben worden.

Ein Kommentar

  1. Jay johannsson

    Sehr spannende Gedanken! Internet oder generell Medien erfahren meines Erachtens nach zu wenig Reflexion. Die steigende Bedeutung des Internets wird gerade im Bildungswesen kaum berücksichtigt, sodass ein So mächtiges Instrument mit so tiefgreifenden Auswirkungen auf einen selbst ( und die Gesellschaft, klar) meist unhinterfragt konsumiert wird.

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