Europäische Identität – ein urbaner Ansatz

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Text: Michael Anranter

Unterschiedliche Überlegungen und Konzepte zum Thema europäische Identität gehen davon aus, dass diese einer der grundlegenden Pfeiler für ein gemeinsames Europa darstellt. Identität wird in Folge zu einer Komponente des Gefühls der Zugehörigkeit zu einem definierten Verband stilisiert: “(…) identity is the overarching and inclusive project that is shared by the members of the polity, or in other words the set of political and social values and principles they recognize themselves as a ´we`“[1].

Allerdings sollte der Begriff Identität differenziert betrachtet werden. Identifikation, und auch Identität, können nicht als alleiniges Bewusstsein über eine historisch- kulturelle Zugehörigkeit, sondern als reflexive Aufarbeitung des Selbst definiert werden, wobei unterschiedliche Identitäten miteinander konfrontiert werden. Kurz gesagt: Jeder Mensch hat mehrere Identitäten die in Relation zueinander stehen und Individuum und dessen Wahrnehmung fortschreitend verändern.

Der Historiker Hayden White stellte fest, dass die Konstruktion einer europäischen Identität in der Literatur oft als Symbiose von Historizität, Wissenschaftlichkeit und Zivilisiertheit dargestellt wird[2]. Wer sich die Geschichte Europas genauer ansieht kann allerdings erkennen, dass gemeinsame griechisch-philosophische Werte/ Normen in Europa, trotz kurzer Rückbesinnungsphasen nie gelebt wurden. Unterschiedliche Herrschaftsformen führten zu Diskrepanzen und Diskontinuitäten durch regional opponierende Ansichten und Ideologien. Auch die EU spiegelt die Überlegungen der Agora aufgrund des demokratischen Defizits nicht wieder. „Werden Identitäten essentialistisch aufgefasst – in einer subjektiven individuellen oder kollektiven Perspektive oder in einer um Objektivierung bemühten wissenschaftlichen Perspektive -, so wirkt sich das unmittelbar auf die Darstellung des großen Themas „Europäischer Identität“ und ihrer historischen Komponenten aus. Die Betonung der Wurzeln der Europäischen Identität, der Kontinuitäten, der langen Dauer, […], resultiert aus einer, zumeist nicht explizit eingestandenen, essentialistischen Konzeption von Identitäten“[3].

Die reflexive Aufarbeitung der Identitäten geschieht innerhalb eines Ordnungsrahmens, der von Exklusions-, und Inklusionsmechanismen geprägt ist. In Bezug auf die „Europäischer Identität“ stellt der Politikwissenschaftler Furio Cerutti folgende Frage: “What potential for identity formation and for legitimating EU policies and institutions is or is not contained in their (people) mindset?“[4]

Die Frage nimmt auf ein Konzeptes des konstruierten, politischen Bewusstseins als europäische Identität Bezug. „Policies and institutions are not identity in themselves, but only as far as they are perceived by the individual actors as something which is meaningful to their self description as Europeans as well as relevant to their image of themselves they want to project onto external actors“[5]. Die unmittelbare Relevanz stellt eine der bedeutendsten Punkte in der weiteren Ausführung dar, da diese den Bezug zur einzelnen UnionsbürgerIn ermöglicht.

Nur unterschiedliche Identitäten können zur Kommunikation führen und in Folge soziale Strukturen ausbilden, sodass kollektive Identität Diversität zur Grundlage hat[6]. Es notwendig, dass an Kultur und Geschichte gebundene Merkmale gegeben sind, damit die Selbstidentifikation innerhalb einer  Gruppe zugelassen wird und Positionen entstehen. Einerseits steht eine Gruppe einer anderen gegenüber und reflektiert über die eigene Wahrnehmung in Hinblick auf gemeinsame politische Kultur, Debatten oder Ähnlichem im Diskurs, andererseits organisieren Gruppen, durch die Unterstützung einer Partei oder anderen Form politischer Teilhabe, eine Darstellung ihrer selbst, welche anderen Gruppen Aufschluss über das Verhältnis zueinander gibt.

Rahmenbedingung der politischen Identität

Differenz an Stelle angenommener Homogenität der Gruppe lässt darauf schließen, dass eine Europäische Identität weder kulturell oder sprachlich, sondern z.B. durch die Modi der politischen Partizipation etabliert werden kann. Das Bedürfnis politisch zu sein entspringt dem subjektiven Kampf um Anerkennung durch andere Personen oder Gruppen. “Through orientations, strategies and technologies as forms of being political, beings develop solidaristic, agonistic and alienating relationships. These forms and modes constitute ontological ways of being political in the sense that being implicated in them is not necessarily intentional but purposive[7].

Da sich Menschen in ihrer eigenen Wahrnehmung immer wieder neu identifizieren und weiterentwickeln, ist es notwendig auf Zeit und Raum Rücksicht zu nehmen. Dies ist der Punkt an welchem die EU anzuknüpfen versucht. Wer von einer Art Maschine (als Rahmen) ausgeht, die einzelne Menschen einerseits differenziert, andererseits Gruppen formt, muss für diese Rahmenbedingungen festlegen. Die Soziologin Engin Isin geht von der Stadt als Kampfschauplatz der Differenzierung aus. Sie argumentiert: “The city is not a container where differences encounter each other, the city generates differences and assembles identities. The city is a difference machine insofar as it is understood as that space which is constituted by the dialogical encounter of groups formed and generated immanently in the process of taking up positions, orienting themselves for and against each other, inventing and assembling strategies and technologies, mobilizing various forms of capital and making claims to that space that is objectified as the city. The city is a crucial condition of citizenship in the sense that being a citizen is inextricably associated with being of the city“[8]. Zusammengefasst: Der urbane Raum ist weder Bühne, noch „Hinterkammerl“ für hegemoniale Kämpfe, sondern ein Rahmen, durch welchen Menschen ihre Identität bestimmen und andere Personen treffen die den eigenen Ansichten gegenüberstehen oder diese teilen. Einer entsprechenden Position kann man auch durchaus kritisch gegenüberstehen.

Entsprechend der angenommenen Voraussetzungen des urbanen Raumes, werden im Anschluss an das Bilden von Gruppierungen Ansprüche erhoben, Forderungen formuliert und Rechte eingeklagt, die an die eigene Vorstellung von politischer Teilhabe geknüpft sind. Darin besteht insbesondere auch die Verbindung zur Legitimationskrise der Europäischen Union. Voraussetzung für eine entsprechende Konzeptualisierung ist allerdings einE aktive BürgerIn, die/der aus eigenem Interesse teilnimmt und somit der Stadt Beständigkeit und Legitimation für das Politische gibt.

Der Staat und alle weiteren der Stadt (mit ländlichem Umfeld) übergeordneten Einheiten können nicht als Ort der Differenzierung begriffen werden, da deren Installation von der Stadt ausgeht und Formen der Zugehörigkeit durch die Definition von Grenzen geschaffen wird: „We find in world history plenty of examples of cities existing without empires, leagues, states, republics and other such entities but […] there is no polity in world history without cities organizing, arranging, assembling and holding it together, and always tenuously and precariously”[9]. Würde angenommen werden, dass sämtliche Grenzen (innerhalb der EU) natürlichen Ursprungs sind, könnte das Bedürfnis nach Kontrollstrategien (Nationalismen, Ideologien, Militärmacht usw.) nicht so unabdingbar groß sein.

Interessant ist, dass die Stadt als Organisationsform von der Europäischen Kommission, insbesondere die Generaldirektion für Regionalpolitik, vermehrt Beachtung erfährt und das Potential der Städte als kreative Zentren entdeckt[10]. Im Rahmen unterschiedlichster Programme (Europa 2020, Kulturhauptstädte, Europaregionen) wurde in den vergangenen Jahren versucht die politische Teilhabe an der Basis zu stärken. Auch sollte berücksichtigt werden, dass die Stadt stets an ihre Umgebung geknüpft ist: “The city cannot be defined without invoking and producing that which exists outside it. That outside becomes it’s defining anchor without which it could not exist as such”.[11] “If the city cannot become an object of a claim without bringing its outside into existence, I would suggest that my conception of the political as being of the city cannot be reduced to being in the city. […] With the development of transportation and telecommunication technologies, it is probably much more appropriate to think of the modern countryside as spaces orbiting about cities, rather than of two isolated and distinct spheres or styles of live despite their apparent differences”[12]. Wer die EU als Stadt versteht in der die Räume überschaubar und hochgradig vernetzt sind, kann dennoch auf eine politische Identität für die Zukunft hoffen. Vernetzung, Zentralität und Nähe an den BürgerInnen sollten hierfür die Stichwörter sein.

Literaturverzeichnis

Caspar, Bernhard (2009): “Angesichts des Anderen. Emmanuel Levinas – Elemente seines Denkens” Schöningh, Paderborn (D).

Europäische Kommission; Generaldirektion Regionalpolitik (2011): „Städte von Morgen – Herausforderungen, Visionen, Wege nach vorn),

URL:http://ec.europa.eu/regional_policy/sources/docgener/studies/pdf/citiesoftomorrow/citiesoftomorrow_final_de.pdf

Letzter Aufruf: 02.12.2012

Isin, Engin (2002): “Being political: Genealogies of citizenship”, University of Minnesota Press, Minneapolis (USA).

Isin, Engin (2003): “Ways of being political”, Distinktion: Tidsskrift For Samfundsteori, Vol. 4 , 7-28, Routledge, Oxford (UK).

Isin, Engin (2005): “Engaging, being, political”, Political Geography, Vol.24, 373-387, Elsvier, Toronto (CA).

[1] Cerutti, 2008 :6

[2] vgl. Schmale, 2010 :32

[3] Schmale, 2010 :39

[4] Cerutti, 2008 :4

[5] Cerutti, 2008 :5

[6] vgl. Cedermann, 2001 :7

[7] vgl. Isin, 2002 :13

[8] Isin, 2002 :283

[9] Isin, 2005 :385f

[10] vgl. Europäische Kommission, Generaldirektion Regionalpolitik 2011 :34f

[11] Isin, 2005 :377

[12] Isin, 2005 :377

5 Kommentare

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