Der Staat als Kategorie für Kunst, Kultur und Tradition

von Michael Anranter

Staat und Kultur – das Erbe

Regionale Diversität und entsprechendes Kulturerbe sehen sich, durch die fortschreitende Vermengung von Raum und Zeit, zunehmend mit der Frage des Erhalts einzelner Rituale, Techniken, Kunst-, und Handwerke, aber auch Tänzen und Theater, sowie weiterer Kunst-, und Kulturformen, konfrontiert. Der Begriff „McDonaldization“, geprägt vom Soziologen George Ritzer (vgl. Ritzer, 1993), akkumuliert Aspekte der Globalisierung und deren Auswirkungen auf Kulturgüter. Im Jahr 2003 beschloss die UNESCO mit einer Konvention zum Erhalt des immateriellen Kulturerbes die Gefahr der Generalisierung, und dem damit verbundenen Verschwinden spezifischer Praktiken, einzudämmen. Selbst wenn Sinnhaftigkeit des Erhalts, sowie die Annahme einer kulturellen Angleichung im Sinne der McDonaldisierung in Frage gestellt werden können, wurde die Konvention bis heute (Juli, 2012) von über 130 Staaten ratifiziert. 

Wie allerdings bei den meisten Konventionen, die durch internationale Organisationen beschlossen werden, sieht sich auch diese großen Herausforderungen gegenüber gestellt: „Die fortschreitende Dekonstruktion der Nationalstaaten durch die Abgabe eigener Kompetenzen an subnationale, sowie supranationale Einheiten, sowie die meist unzureichend definierte Rechtspersönlichkeit entsprechender Einheiten vor dem Internationalen Gerichtshof schwächt auch die Wirksamkeit von Staaten signierter Resolutionen und Verträge“. (Hirscher, 2006)
Ein weiterer Aspekt, der in direktem Zusammenhang mit der gegenwärtigen Organisation von Gesellschaften im Sinne der Staatlichkeit steht, betrifft die Ausprägung unterschiedlicher Interessen, basierend auf der Idee der Konkurrenz: „Schon die Geschichte der Konvention spiegelt globale wie auch nationale Dynamiken wieder, die verbunden sind mit handfesten politischen und wirtschaftlichen Interessen. Liest man die Liste der ersten dreißig Unterzeichner, meint man, ein Manifest des Südens vor sich zu sehen“. (Kopf, 2004) Es gab folglich ein besonders großes, auch ökonomisches, Interesse von Staaten des Südens, möglichst schnell Teil der Konvention zu werden, um auch eigene Kulturen und Praktiken in die Listen zum Erhalt des immateriellen Kulturerbes eintragen zu lassen und in der Folge ökonomische, sowie touristische Vorteile in Anspruch nehmen zu können.
Die Abgabe nationaler Kompetenzen, bringt eine Reihe an Konflikten mit sich, die auch den Kultursektor betreffen. Während als bestes Beispiel einer supranationalen Vereinigung vermutlich die Europäischen Union zu nennen ist, gelten im Grundsatz ähnliche Vertragsbestimmungen auch für die Mitgliedsstaaten anderer Verbünde, wie etwa der Arabischen Liga, der Afrikanischen Union und weiterer. Problematisch ist, dass jene Institutionen vor den Vereinten Nationen, sowie vor dem Internationalem Strafgerichtshof, aufgrund einer umfassenden Immunität, lediglich eine eingeschränkte Form der Rechtspersönlichkeit besitzen, und in der Folge zwar befähigt sind gemeinsame Verträge oder Übereinkünfte einzugehen, allerdings nicht für das Verstoßen gegen internationales Recht belangt werden können. Dementsprechend sind Mitgliedsstaaten aller genannten Bündnisse durch zwischenstaatliche Verträge (z.B. Vertrag von Lissabon, 2007) zumeist angehalten, auch vor den Vereinten Nationen eine gemeinsame der individuellen Position vorzuziehen, selbst wenn diese nicht den unmittelbaren Interessen eines Staates entspricht.

Entgegen der Verdichtung der Beziehungen in der Welt konnte außerdem auch eine Rückbesinnung der Menschen auf das Lokale festgestellt werden. Diese Rückbesinnung wird zumeist unter den Begriffen der Glokalisierung und Regionalisierung subsumiert und bringt die Positionierung des unmittelbar Lokalen in globalem Kontext zum Ausdruck. Glokalisierung bedingt allerdings keine Beschränktheit auf nationale Grenzen, sondern wird über diese hinaus gelebt. Zu nennen seien nebst Grenzregionen auch Kommunikation zwischen Diasporagemeinden und jenen Personen die im Herkunftsland geblieben sind. Dadurch werden Verhältnisse zwischen den Zugehörigen beider Bevölkerungsteile und der verwaltenden Einheit geprägt. Auch da es von Seite der Staaten, basierend auf unterschiedlich restriktiven Gesetzgebungen, immer wieder zu Konflikten im Umgang mit Diasporagemeinden kommen kann, liegt die Annahme nahe, dass das Konzept des Nationalstaates nicht länger für die Identität seiner EinwohnerInnen und somit auch nicht für den Erhalt des immateriellen Kulturerbes zur Verantwortung gezogen werden kann.

Eine weitere Hypothese ist, wie bereits in der Einleitung vermerkt, dass Nationalstaaten entsprechend eigener Interessen handeln. Dies ist zunächst, da zumindest in Demokratien durch Wahlen legitimiert, neutral zu sehen, und sollte ohne negative Konnotationen zur Kenntnis genommen werden. Dennoch ist es vorstellbar, dass entsprechende Interessen sich nicht nur auf ökonomische Vorteile im Tourismussektor beziehen, sondern insbesondere auf die Generation interner und externer Wahrnehmungen abzielen. Hierbei ist der Begriff der Werbung, oder Propaganda von Bedeutung, da durch den Schutz einzelner kultureller Formen, internationale Anerkennung bezüglich des Umgangs mit kulturellen Besonderheiten produziert werden kann.

An welchen Stellen ergeben sich Interessenskonflikte zwischen dem Nationalstaat als regelnde Einheit des Zusammenlebens und dem tatsächlichen Erhalt des Immateriellen Kulturerbes auf der Welt?

Ziel ist es nicht alleine auf das konflikthafte Verhältnis zwischen Immateriellem Kulturerbe und dem Staat als Hoheitsmacht aufmerksam zu machen, sondern darüber hinaus Lösungsansätze zu entwickeln, die entsprechende Diskrepanzen überwinden könnten und auf den unterschiedlichen strukturellen Ebenen ihre Anwendung zu finden vermögen.

Der Politikwissenschaftler Rainer-Olaf Schultze benutzt bei der Annäherung an den Begriff „Staat“ zunächst eine sehr breite Definition und integriert in Folge „…die Gesamtheit der öffentlichen Institutionen, die das Zusammenleben der Menschen in einem Gemeinwesen gewährleistet, bzw. gewährleisten soll; traditionellerweise definiert durch drei Elemente: Staatsgebiet, Staatsvolk, Staatsgewalt. Die Staatsgewalt wird dabei rechtsförmig ausgeübt durch den Staatsapparat, wobei der Staatsapparat in eine Mehr-, bzw. Vielzahl von Institutionen ausdifferenziert ist“. (Schultze, 2005 : 944)

Interessant ist eine erste Annahme des Staatsvolkes als homogener, über Staatsbürgerschaften quantifizierbarer, Bestandteil des Staates. Bezüglich der Organisation des staatlichen Machtapparates führt Schultze erste Differenzierungen ins Feld, die erhebliche Auswirkungen auf das Zusammenleben zwischen Regierenden und Regierten innerhalb der Bevölkerung nehmen können: „Der Staat als Organisationsform des Politischen kann unterschiedlich aufgebaut und strukturiert sein. Zu unterscheiden ist insbesondere zwischen Autokratie und Konstitutionalismus, also zwischen Staaten mit absoluter, nicht begrenzter Macht und solchen Staaten, in denen die politische Macht durch Verfassung, Rechtsstaat und Gewaltenteilung begrenzt ist; zwischen Einheits- bzw. Zentralstaat und föderal gegliedertem Bundesstaat oder auch Staatenbund und Staatenverbund; […]“. (ebd. 2005 :944) Je nach Zusammensetzung der einzelnen Faktoren ergeben sich Staatsformen die als Demokratien, Diktaturen oder Andere bezeichnet werden.

Für diese Arbeit werde ich mich, trotz kritischer Vorbehalte, an die Definition von Schultze anlehnen, da diese das Selbstverständnis der Staaten ausreichend repräsentiert und sich eignet, um Diskrepanzen im Umgang mit Immateriellen Kulturerbe aufzuzeigen.

Zur Kenntnis genommen werden muss, dass Staat und Gesellschaft weder klar voneinander abgegrenzt, noch in sich homogen sind. Die Heterogenität innerhalb eines staatlichen Hoheitsgebietes führt auch zu dynamisch-hierarchischen Positionen zwischen den, dem Staat (nicht-) zugehörigen Gesellschaften und mündet somit in einem Dilemma. Um der Bildung von Hierarchien auf eigenem Staatsgebiet entgegen zu wirken, bestehen für Staaten die Möglichkeiten der Abgabe, oder Ausweitung regulierender Kompetenzen, wobei beide die Dekonstruktion des Selbigen mit sich bringen. „Mit der beständigen Erweiterung der Staatstätigkeit (durch die Anerkennung von Heterogenität, genauso wie durch die Zentralisierung von Diensten) drohen Überforderung, Unregierbarkeit, Staatsversagen und Machtverlust durch Funktionszuwachs. Interne Differenzierung, Entgrenzung und Verflechtung beschränken die Handlungsspielräume und verändern die Aufgabenstellungen“. (Schultze, 2005 :944f) Auf all diese Prozesse können, nach Unterzeichnung eines internationalen Vertrages, weder ein Staat selbst, noch die Staatengemeinschaft aufgrund des Respekts der Souveränität Einfluss nehmen.

Um einem Zerfall entgegenzuwirken können Staaten sich unterschiedlichster Werkzeuge bedienen, wobei die nachhaltige Anerkennung ethnischer Minderheiten, etwa durch den Erhalt spezifischer Immaterieller Kulturerbe, ebenso zum Tool werden kann, wie der Aufbau einer nationalistischen Repräsentationskultur und eine damit verbundene Unterdrückung von Minderheiten. Abschließend sei noch darauf hingewiesen, dass im Rahmen der neu formierten Weltordnung das Aufscheinen der Staaten auf international anerkannten Listen der UNESCO durchaus auch eine positive Wahrnehmung von Seiten der internationalen Partner hervorrufen kann.

Kritische theoretische Reflexion: Citizen and the State

Durch eine Entgrenzung auf allen strukturellen Ebenen kam es in den vergangenen beiden Jahrzehnten zu Veränderungen in der Beziehung zwischen den BewohnerInnen und deren Staaten. Diese Veränderung kann, wie bei genauer Betrachtung der Definition eines Staates sichtbar wird, nicht bloß auf unterschiedliche Herrschaftssysteme, sondern auch auf die veränderten Bedürfnisse der Gesellschaften und deren politische Kultur zurückgeführt werden. Um über das Aufzeigen der Missstände, welche durch die Verwaltung von immateriellen Kulturerbe durch den Staat zu Stande kommen, hinaus zu gelangen, ist es hilfreich auf die veränderten Relationen einzugehen. „It is the struggle for identities that constitutes the focus of the contemporary societal crises and of the UNESCO initiative“. (Nas, 2002:142)

In einer Untersuchung zu Relationen zwischen StaatsbürgerInnen und dem Staat Kanada hält der Politologe Neil Nevitte fest: „In settings where the boundaries of the state and nation coincide, attachments to “the country” are less problematic than in settings where loyalties are more fractured along regional, linguistic, or religious lines“. (Nevitte, 2000: 80) Nevitte spricht hierbei einen besonders wichtigen Punkt an, führt diesen allerdings nicht weiter aus. Von Exklusion bezüglich der politischen Repräsentation sind eine Reihe von Menschen betroffen, die nicht zwingend im Besitz der jeweiligen Staatsbürgerschaft sind, und dadurch mit einer verschärften Situation der nicht-Repräsentation konfrontiert sind. Zu diesen Menschen gehören neben regulären, sowie irregulären MigrantInnen auch ethnische oder autochthone Minderheiten, aber auch indigene Bevölkerungen und ökonomisch benachteiligte Gruppen.

Es kommt hierbei zu einem Konflikt zwischen den theoretischen Konzepten von Nation – Staat, aber auch Staat – Region. Da entsprechende Diskrepanzen, wie auch von Nevitte diskutiert (Nevitte, 2000 :88f), bereits im politischen Prozess auftreten, scheint es naheliegend zu sein, dass aktive, als auch passive Exklusion im Bereich der kulturellen Praktiken von Minderheiten, zu einem Representative Gap führen. Der Diversität an Menschen und Kulturen können einzelne Staaten also nur schwer gerecht, die Veränderung von Brauchtümern nur am Rande wahrgenommen werden.

Aus Gründen der mangelnden Repräsentativität internationaler, als auch nationaler Listen, bedingt durch ein Repräsentativitäts-Defizit der Staaten, erkannte allerdings auch die UNESCO dringenden Handlungsbedarf und stellte fest: „The exploration of alternative models detached from regional groups and national boundaries should be encouraged“. (Rudolff, 2010 :109) Bezugnehmend auf historische Konflikte innerhalb belasteter Regionen, führt Gundara weiter aus: „the notion of the „Kulturnation“ on the basis of the ethnic and sacred is more powerful than the „Staatnation“ based on constitutions and citizenship.“ (Gundara, 2000 : 124)

Die Erhöhte Flexibilität der Menschen im vergangenen Jahrhundert, bedingt durch die Komprimierung von Raum und Zeit, stellt Staaten vor Probleme im Umgang mit ihren StaatsbürgerInnen und all jenen die nur beschränkte Rechte genießen. Die unterschiedliche Gewichtung der Menschen von Seite des demontierten Staates, führt zu einem Ungleichgewicht in Bezug auf die Wahrnehmung politischer, aber auch kultureller Bedürfnisse jener Menschen, die dem Ideal des Staates nicht entsprechen. Selbst wenn sich demokratische Staaten Egalität zum Ziel gesetzt haben, scheint dies nur mit internationalen Standards, die von allen BürgerInnen geteilt werden können, möglich. „Scholars in higher education institutions need to develop ideas of a non-centric basis of knowledge. This presents curriculum developers with the obvious dilemmas of the rootedness of cultures and civilizations as well as their interconnectedness. Civilizational knowledge can be pooled to draw the “best” from each phase of human history, and a more syncretic understanding from across civilizations and periods of time could inform the teaching and learning process differently. This would help to improve intergroup and interfaith relations in the context of secular, democratic and the constitutional state“. (Gundara, 2000 :120f)

Das Ziel kann allerdings nicht in einzelnen Konzeptionen von Zugehörigkeit oder Identität, sondern vielmehr in der Wertschätzung von Zivilisation bei gleichzeitiger Anerkennung kultureller Diversität liegen. Die Schwierigkeit liegt folglich darin, eine soziale und kulturelle Kohäsion zu konstruieren, die ein inklusives Gemeinwesen durch Zugehörigkeiten und Gleichheit fördert, und dennoch verschiedene Ansätze und Gruppierungen zulässt.

Immaterielles Kulturerbe – Wer kann wie, was einreichen?

Zunächst gilt es festzustellen, dass die UNESCO bei ihrer 32. Tagung in Paris durch das Übereinkommen zur Erhaltung des immateriellen Kulturerbes mit einer Konvention den Grundstein für das Erstellen von Listen, angesiedelt auf unterschiedlichen strukturellen Ebenen, gelegt hat. Dabei wird zwischen internationalen, sowie nationalen Maßnahmen und Listen zum Erhalt des immateriellen Kulturerbes, sowie der Dringlichkeit unterschieden, wobei letztere durch eine wesentlich breitere Definition im Sinne des Souveränitätsprinzips gekennzeichnet sind. Alle drei Listen sollen hierfür zunächst benannt und ausgeführt werden, um eine Grundlage für spätere Fallbeispiele zu schaffen.

Bewerbungen für die Repräsentative Liste des immateriellen Kulturerbes der Menschheit können, wie bei allen internationalen Listen der Vereinten Nationen, ausschließlich von den Mitgliedsstaaten, welche das Übereinkommen ratifiziert haben, eingereicht werden.

Entsprechend Art. 5, §1-2 des Übereinkommens zum Erhalt des Immateriellen Kulturerbes entscheidet ein zwischenstaatliches Komitee, bestehend aus VertreterInnen von 24 Vertragsstaaten, aufgrund von Empfehlungen einer unabhängigen Arbeitsgruppe über die finale Aufnahme eines Antrages in die Repräsentative Liste der Menschheit. „An application form with questions on identification and documentation, justification, and preservation management along with a description of the cultural expression must accompany the nomination. After expert evaluation the nominations are submitted to an 18 (24) – member international jury“. (Nas, 2002 :139) Das Mandat der von Nas genannten Expertenkommission wurde erst 2011 auf vier Jahre verlängert, sowie mit Kompetenzen im Bereich der Kontrolle von finanziellen Mitteln zur Durchführung von Projekten angereichert. (UNESCO, 2011 :3) Damit stellt das Expertenkomitee, zumindest offiziell das bedingt unabhängige Gremium in der Annahme von Anträgen sowie Überprüfung dar.

Letztendlich müssen für die Aufnahme eines Antrages in die repräsentative Liste des immateriellen Kulturerbes der Menschheit die Art. 2 der Konvention erfüllt werden:

Unter ‚immateriellem Kulturerbe‘ sind Praktiken, Darstellungen, Ausdrucksformen, Wissen und Fertigkeiten – sowie die dazu gehörigen Instrumente, Objekte, Artefakte und kulturelle Räume – zu verstehen, die Gemeinschaften, Gruppen und gegebenenfalls Einzelpersonen als Bestandteil ihres Kulturerbes ansehen. Dieses immaterielle Kulturerbe, das von einer Generation an die nächste weitergegeben wird, wird von den Gemeinschaften und Gruppen in Auseinandersetzung mit ihrer Umwelt, in ihrer Interaktion mit der Natur und mit ihrer Geschichte fortwährend neu gestaltet und vermittelt ihnen ein Gefühl von Identität und Kontinuität, wodurch die Achtung vor der kulturellen Vielfalt und der menschlichen Kreativität gefördert wird. Im Sinne dieses Übereinkommens findet nur das immaterielle Kulturerbe Berücksichtigung, das mit den bestehenden internationalen Menschenrechtsübereinkünften sowie mit dem Anspruch gegenseitiger Achtung von Gemeinschaften, Gruppen und Einzelpersonen sowie der nachhaltigen Entwicklung in Einklang steht.“ (UNESCO, 2009 :Art. 2, §3)

Ziel der Repräsentativen Liste für immaterielles Kulturerbe auf internationaler Ebene ist es, die Sichtbarkeit regional verwurzelter Kulturen und Wissens, und somit auch das Bewusstsein über die Bedeutung des Erbes zu steigern. Außerdem werden im Zuge der Aufnahme eines Kulturerbes in die Liste die kulturelle Diversität widergespiegelt und menschliche Kreativität bezeugt.

Art. 18 und 19 der Konvention betreffen die Formen des interkulturellen Dialogs, welcher durch internationale wissenschaftliche Projekte gestärkt werden soll. Hierfür bietet die UNESCO eine Plattform auf welcher kulturelle Praktiken miteinander in Zusammenhang gebracht und untersucht werden können. „Im Sinne dieses Übereinkommens umfasst die internationale Zusammenarbeit unter anderem Informations- und Erfahrungsaustausch, gemeinsame Initiativen sowie die Einführung eines Mechanismus zur Unterstützung der Vertragsstaaten bei ihren Bemühungen zur Erhaltung des immateriellen Kulturerbes“. (UNESCO, 2009 :Art. 19 § 1). Hierbei liegt die Initiative nun nicht mehr alleinig bei den staatlichen VertreterInnen oder Ministerien, sondern auch bei Einzelpersonen, Vereinen oder Nicht-Regierungsorganisationen.

Zur Repräsentativen Liste für Immaterielles Kulturerbe der Menschheit gehört auch die die Liste des dringend erhaltungsbedürftigen immateriellen Kulturerbes. Während die allgemeinen Aufnahmebedingung jenen des Art. 2 der Konvention entsprechen, muss der Umstand bestand haben, dass eine bestimmte kulturelle Handlung/ Tradition aufgrund unvorhersehbarer Ereignisse nicht mehr ausgeübt, oder deren Überleben trotz Bemühungen von Vereinen nicht sichergestellt werden kann. Diese Liste ist die einzige, welche einer Mehrheit des Staatenbündnisses die Möglichkeit zu Teil werden lässt, um vernachlässigte Kulturerbe herausragender Bedeutung, entgegen dem Souveränitätsprinzip, passiv zu schützen. Bereits der Vorschlag zur Aufnahme eines bestimmten Kulturerbes könnte, auch aufgrund der wenigen Einträge, politisches Gewicht haben. Aufgrund möglicher diplomatischer Konsequenzen kam dies allerdings bisher nicht zur Umsetzung. Insgesamt beherbergt die Liste des dringend erhaltungsbedürftigen immateriellen Kulturerbes nur 27 Nennungen.

Die nationalen Verzeichnisse zum Erhalt des immateriellen Kulturerbes liegen, entsprechend dem Souveränitätsprinzip, in der Verantwortung der zuständigen staatlichen Einrichtungen. In der Bundesrepublik Österreich sind hierfür etwa das Bundesministerium für Unterricht, Kunst und Kultur und das Bundesministerium für europäische und internationale Angelegenheiten mit der Umsetzung der Konvention betraut. Wichtig ist es die Rechtsform von UN-Konventionen zu berücksichtigen. Die von der UNESCO verabschiedeten soft laws haben lediglich Weisungskraft, sodass keine Sanktionen bei Verstößen gegen die Konvention verhängt werden können. Insofern obliegt die Gestaltung der nationalen Liste zum Erhalt des Immateriellen Kulturerbes der staatlichen Willkür. Dies kann bedeuten, dass letzten Endes keine nationale Kommission und Liste besteht, Exklusion durch die intransparente Bestellung des nationalen Komitees geschieht, oder etwa die Formulierung der Aufnahmekriterien per se auf Interessen eines Staates schließen lassen.

So haben etwa innerhalb der Europäischen Union das flämische Belgien, Lettland, Litauen, Luxemburg, Slowenien und Tschechien zusätzliche Kriterien für die Aufnahme von Kulturgut etabliert. Andere Staaten wiederum haben auf eine Umfrage der Österreichischen UNESCO Kommission nicht geantwortet. Bezugnehmend auf die Verbindungen zwischen Bevölkerung und Staat, ist die Trennung des flämischen und französischen Belgiens besonders interessant. Darüber hinaus unterscheiden sich die Bestellung der Kommissionen, sowie auch die Entscheidungsmacht politischer Vertreterinnen über Aufnahme oder Ablehnung eingereichter Anträge.

Werden die nationalen und internationalen Listen in Zusammenhang gesehen, kann außerdem von einer Hierarchisierung unterschiedlicher Kulturformen gesprochen werden. Diese ergibt sich aus der unterschiedlichen Gewichtung von nationalen Listen und der Repräsentativen Liste des Immateriellen Kulturerbes der Menschheit, welche bis 2008 Proclamation of the Masterpieces genannt wurde. Trotz der Umbenennung basiert die heutige Representative List auf Kriterien der regionalen Selektion. „These lists of intangible heritage create global and universal standards and in turn become a metaculture that stands outside the lived manifestation of culture.“ (Kirshenblatt-Gimblett in: Pietrobruno, 2009 :232)

Fallbeispiele

Um die theoretischen Überlegungen zu verdeutlichen werden nun einige Fallbeispiele folgen, wobei bereits aufgenommene Kulturerbe kritisch reflektiert werden sollen. Aus diesem Grund werden drei Einträge, die sich auf nationalen sowie der internationalen Liste zum Erhalt des Immateriellen Kulturerbes wiederfinden, untersucht werden:

  • Derwisch-Tänze in der Türkei,
  • Die tibetische Oper,
  • Transhumanz: Schafwandertriebe in den Ötztaler Alpen,

Jedes dieser Fallbeispiele nimmt auf unterschiedliche, potentiell konflikthafte Strukturen und Interessen Bezug, die auf verschiedene Aspekte von Staatlichkeit zurückgeführt werden können.

Derwisch-Tänze in der Türkei

Aufgrund der Trennung von Staat und Religion gilt die Republik Türkei besonders von westlichen Demokratien immer wieder als ideale Staatsform, die das Religiöse in das Private zurückdrängt und somit eine größere Gleichheit unter den (nicht-) Mitgliedern religiöser Gruppierungen ermöglicht. Dennoch werden von der Türkei, die sich selbst als laizistisch bezeichnet, sämtliche religiöse Einrichtungen vom Präsidium für Religionsangelegenheiten verwaltet, welches an das Amt des Ministerpräsidenten angegliedert ist und dessen Weisungen untersteht. Am Beispiel der Derwisch-Tänze in der Türkei zeigt Pietrobruno auf, inwiefern die Konvention zum Erhalt des immateriellen Kulturerbes eben dieses nicht vollständig zu schützen vermag.

Aufgrund des institutionalisierten Säkularismus wurde die Sema Zeremonie des Malvavi-Ordens, welche auf den persischen Mystiker und geistigen Führer Dschlal ad-Din Rumi zurückgeht, 1925 durch ein Gesetz über Schließung der Derwisch-Konvente und Mausoleen von Mustafa Kemal Pascha Atatürk verboten. Erst 1954 durften die muslimisch-asketischen Derwische ihren Dhikr anlässlich des Jahrtages von Rumi’s Tod am 17. Dezember wieder vollziehen. Allerdings bleiben die Sufi-Klöster weiterhin geschlossen, Zeremonien mussten in Sporthallen und auf für touristische Zwecke errichteten Bühnen ausgeführt werden. Diese De-Kontextualisierung blieb auch der UNESCO nicht verborgen: „[…] many sema ceremonies are no longer performed in their traditional context but for tourist audiences, and have been shortened and simplified to meet commercial requirements“. (UNESCO in: Pietrobruno, 2009 :230) Es kommt folglich zu einer Ignoranz der ursprünglichen Lokalität im Namen der UNESCO Konvention zum Schutz des immateriellen Kulturerbes. Von dieser Problematik können allerdings nicht nur religiöse Minderheiten, sondern auch ethnische, autochthone oder andere Minderheiten betroffen sein, die einer dominanteren Leitkultur unterstehen, welche durch staatliche Autoritäten gefördert wird.

Ein weiterer Kritikpunkt, der besonders am Beispiel der Derwisch-Tänze deutlich gemacht werden kann, ist, dass die Konvention zum Schutz von immateriellem Kulturerbe nur die äußeren Darstellungsformen, nicht aber die religiösen und spirituellen Hintergründe zu schützen vermag. Ein großer Teil der Aufmerksamkeit wurde demnach allein auf Musik und Tanz, nicht aber auf die Spiritualität und Geistlichkeit gelenkt, sodass von einer Abstraktion des eigentlichen Kulturerbes gesprochen werden kann.

Immaterielles Kulturerbe aus Tibet – Chinesische Listen

Insgesamt 1028 Posten, darunter auch mehrere tibetische Nennungen, führt die Volksrepublik China in ihren insgesamt zehn nationalen Listen des Immateriellen Kulturerbes an. Einbezogen in diese Brauchtümer wurden vor Allem mündliche und literarische Überlieferungen, traditionelle Darstellungsformen der Musik, Oper, Theater sowie Feste und Wettbewerbe, Wissenschaften und handwerkliche Fertigkeiten chinesischen Brauchtums. Wie alle wichtigen Entscheidungen wurde auch die Aufnahme der Brauchtümer in die Liste zum Erhalt des Immateriellen Kulturerbes durch den Staatsrat der Volksrepublik China bestimmt. Der Staatsrat ist das höchste Regierungsorgan und zentrales Verwaltungsorgan der Volksrepublik. Seine Mitglieder werden nicht öffentlich von der Führung der Kommunistischen Partei benannt, wobei der nationale Volkskongress formell zustimmt. Hierbei wird die autoritäre Struktur der Volksrepublik China sichtbar und stellt eine demokratische Legitimation der Selbigen in Frage. Kritisch sollte darum insbesondere die Ernennung tibetischer Brauchtümer als chinesisches Kulturgüter hinterfragt werden.

Die über 600 Jahre alte tibetische Oper ist ein von den buddhistischen Lehren und tibetischen Geschichten inspirierter Brauch der sich in Tibet noch heute großer Beliebtheit erfreut und aufgeführt wird. Im Internetauftritt der chinesischen Botschaft Deutschlands wirbt die chinesische Regierung medienwirksam für den Besuch dieses Highlights. „Während der Kulturrevolution von 1966 bis 1976 verschwand die tibetische Oper fast vollständig aus meinem Dorf, erzählt Qoinda. Zur Rettung und zum Schutz holte das Dorf anerkannte Experten für tibetische Oper aus Lhasa ins Dorf zurück. Als ehemalige Bewohner des Dorfes geben sie dort heute Unterricht.“ (Botschaft der VR China i. d. BRD, 2005)

Im Jahr 2009 ließ der Dalai Lama, geistliches Oberhaupt der Tibeter, anlässlich des fünfzigsten Jahrestags der chinesischen Besetzung Tibets von sich hören: Today, the religion, culture, language and identity, which successive generations of Tibetans have considered more precious than their lives, are nearing extinction, […]”. (Wong, 2009) Diese Äußerungen beider AkteurInnen können darauf hinweisen, dass es weiterhin unwahrscheinlich bleibt, dass Tibet auf selbstbestimmte Art und Weiße überleben kann, auch da immer mehr chinesische BürgerInnen die nicht aus Tibet stammen in Tibet angesiedelt werden. Aufgrund der Maßnahmen, welche die chinesischen Autoritäten auf tibetischem Gebiet ergriffen, teilte Dawa-Tseng, Mitglied der Tibetanischen Exilregierung, mit: People around the world often condemn the Chinese government for human rights abuses in Tibet, but we Tibetans do not care so much whether we live well in Tibet […] What we care most about is whether the Tibetan nation and culture will survive“. (Loa Io-sin, 2009)

Werden chinesische Innen-, sowie auch Außenpolitik berücksichtigt, erscheinen die Aufnahme der tibetischen Oper in die Liste des immaterielle Kulturerbe als gezielte Werbung zur Beeinflussung des politischen Diskurses; der Vergleich mit anderen totalitären Systemen liegt nahe. Eine solche Beeinflussung deutet auf die Instrumentalisierung des Immateriellen Kulturerbes und das damit verbundenen Siegel hin.

Allerdings gibt es auch andere Möglichkeiten zum Ausdruck von Interessen. So etwa haben in anderen Vertragsstaaten neben den Mitgliedern der regierenden Partei auch alle weiteren rechtlichen Subjekte die Möglichkeit Anträge einzureichen und somit auf immaterielles Kulturerbe hinzuweisen.

Österreich/ Italien – Transhumanz 

Auf der Liste des österreichischen Kulturerbes, befindet sich mit „Transhumanz – Schafwandertriebe in den Ötztaler Alpen“ ein Element, das im Anbetracht staatlicher Kompetenzen von Interesse ist. „Die Wanderungen verlaufen über das Timmelsjoch, das Hochjoch und das Niederjoch und gelten als die einzige grenzüberschreitende Transhumanz in den Alpen, die über Gletscher führt. Dabei werden nicht nur klimatische, sondern auch Ländergrenzen überschritten.“ (Nationalagentur für das Immaterielle Kulturerbe, 2011) Die Signifikanz dieses Beispiels liegt in den unterschiedlichen Anstrengungen, welche von den betroffenen Staaten unternommen werden, um immaterielles Kulturerbe zu erhalten. Während die Republik Österreich eine umfangreiche UNESCO-Kommission mit dem Erhalt des Immateriellen Kulturerbes beauftragt hat, konnte in der Republik Italien bisher nur eine sehr eingeschränkte nationale Liste etabliert werden, selbst wenn materielle Kulturgüter ein außerordentlich hohes Ansehen genießen.

Obschon der staatlichen Trennung, führte die grenzüberschreitende Transhumanz über Generationen hinweg, zu einer kulturellen und sozialen Beziehung, die bis heute über die Grenzen hinweg Bestand hat. Entsprechend dem gemeinsamen Kulturgut wurde der Antrag von Pro-Vita Alpina und dem Kulturverein Schnalstal (Italien) bei der Österreichischen UNESCO Kommission eingereicht. Da die Transhumanz allerdings nur von Seiten der Republik Österreich in die Liste des Immateriellen Kulturerbes aufgenommen wurde stellt sich die Frage, ob Kulturgut vor Staatsgrenzen Halt macht. Wie sonst soll ein solches Phänomen beantwortet werden?

Die Problematik liegt ferner nicht in den vor der UNESCO vereinbarten Voraussetzungen für den Schutz des Immateriellen Kulturerbes, sondern vielmehr in der Umsetzung der Konvention durch ihre Vertragsstaaten. In Artikel 11 wird auf die Rolle der Selbigen hingewiesen:

Jeder Vertragsstaat hat die Aufgabe,

a) die erforderlichen Maßnahmen zur Sicherstellung der Erhaltung des in seinem Hoheitsgebiet befindlichen immateriellen Kulturerbes zu ergreifen;

b) als Teil der in Art.2. Nr.3 genannten Erhaltungsmaßnahmen die verschiedenen Elemente des immateriellen Kulturerbes, die sich in seinem Hoheitsgebiet befinden, […] zu ermitteln und zu beschreiben.“ (UNESCO, 2009)

Es kann festgehalten werden, dass die von den Staaten gegebenen Rahmenbedingungen bezüglich der nationalen Listen stark variieren und somit zu offensichtlichen Disproportionen führen. Wie bereits in der Definition von „Staat“ elaboriert wurde, kann es zu einer Überlastung des Selbigen durch die Anhäufung an Kompetenzen kommen, sodass die Implementierung von Konventionen in Gefahr ist. Da die Republik Italien eine Reihe an ethnischen, und zum Teil autonom verwalteten Minderheiten auf eigenem Staatsgebiet beherbergt, wird die Koordination immaterieller Kulturgüter weiter erschwert.

Andererseits ergeben sich für die autonomen Provinzen andere Chancen zur grenzübergreifenden Zusammenarbeit in Hinblick auf den Erhalt des immateriellen Kulturerbes. So entschied sich etwa die Landesregierung der autonome Provinz Bozen im Rahmen des INTERREG – Projektes „E.CH.I“ neue Wege zum Erhalt des immateriellen Kulturerbes zu beschreiten. Als Gemeinschaftsinitiative im Rahmen der Europäischen Territorialen Zusammenarbeit zur Stärkung der interregionalen Entwicklung, Konvergenz und Beschäftigung ist eine entsprechende Symbiose insbesondere für Grenzregionen attraktiv. „Die Sicherung, Dokumentation und Bekanntmachung des immateriellen Kulturerbes in den grenzüberschreitenden italienisch-schweizerischen Gebieten, steht im Mittelpunkt des Projekts E.CH.I., an dem neben Südtirol auch die Regionen Lombardei, Aostatal und Piemont, sowie die Schweizer Kantone Wallis, Tessin und Graubünden mitarbeiten“. (Autonome Provinz Bozen, 2012) Dieser, von der Region Lombardei initiierte Ansatz zum Erhalt, sowie zur Kommunikation und Erforschung von immateriellem Kulturgut, stellt bisher das einzige kulturelle Projekt dar, welches im Rahmen des INTERREG IV gefördert wird, und eröffnet neue Möglichkeiten und Denkansätze (innerhalb der EU).

Aufgrund des Souveränitätsprinzips genießen allerdings weder dieses, noch andere überregionale Projekte, Aufmerksamkeit von den Vereinten Nationen, sodass auch das Siegel der UNESCO nicht vergeben werden darf. Eine Aufnahme des Elements in die Liste des Immateriellen Kulturerbes der Menschheit würde allerdings nicht nur die staatliche Souveränität in Frage stellen, sondern vielmehr eine Restrukturierung der UNO und ihrer Suborganisationen erfordern, da diese ohne das Staatssouverän in ihrer heutigen Form nicht gedacht werden können.

Perspektiven und Lösungsansätze – Conclusio  

Alleine drei Beispiele, gewählt aus tausenden auf Listen verankerten Elemente des immateriellen Kulturerbes, zeigen auf, dass teils erhebliche Mängel im Umgang mit den Elementen bestehen. Die Begründung der Inkompetenz der Staaten im Umgang mit Immateriellem Kulturerbe kann in zwei wesentliche Faktoren gegliedert werden. Während einerseits die Einheit „Staat“ es nicht vermag die Diversität innerhalb seines eigenen Hoheitsgebietes zu erkennen und zu fördern, bleibt andererseits das Dilemma des Ausgleichs von inneren und äußeren Interessen.

Um der Diversität folge zu Leisten, scheinen die neuen kommunikativen Möglichkeiten eine Chance zur gleichberechtigten Vertretung immateriellen Kulturerbes zu eröffnen. Zugang zu Internet, und insbesondere Foto-, und Videoportalen könnten weltweit und ohne Rücksicht auf nationale Grenzen, Flexibilität und Weiterentwicklung eines bestimmten Kulturgutes sicherstellen. Der Anthropologe Ulricchio geht in seinen Texten gar soweit, die Anwendung von Video-Plattformen und die Einbettung immaterieller Kulturerbe in digitale Netzwerke als „[…] decentralized, networked, collaborative, accretive, ephemeral and dynamic“ zu beschreiben. (Ulricchio in: Pietrobruno, 2009 :241) Hinsichtlich der unterschiedlichen Relevanz, welche bestimmtem Erbe von Seite einer zu definierenden Gesellschaft zugesprochen werden kann, ist es hilfreich kulturelle Praktiken auf diesem Weg zu verbreiten und zu teilen, ohne auf das Engagement der staatlichen Regierungen angewiesen zu sein.

Problematisch bleibt allerdings auch hierbei der Aspekt sozialer Exklusion, von dem oftmals auch jene Personen betroffen sind, die bereits von den staatlichen Autoritäten vernachlässigt werden. Ein klaffender „digital divide“ welcher besagt, dass bis heute nicht mehr als die Hälfte aller Menschen über regelmäßigen und unzensierten Zugang zu Internet verfügen, weist auch diese Chance in die Schranken. Nicht nur sozial benachteiligte Gesellschaftsgruppen, sondern auch ältere Personen, sowie Menschen die keine Kenntnisse im Bereich des weltweiten Netzwerkes zu erwerben vermochten, bleiben hierbei von Schutz, Erhalt und Weiterentwicklung des Kulturerbes ausgeschlossen. Trotzdem zeigen diese Überlegungen, dass der tatsächliche Erhalt des immateriellen Kulturerbes nicht zentral, sondern alleine durch eine dezentrale Verankerung in der Bevölkerung angemessen organisiert werden kann.

Es besteht keine Notwendigkeit das Handeln nach Interessen mit negativen Konnotationen in Verbindung zu bringen, dennoch sollte ein bestimmtes Bewusstsein darüber herrschen. Für die Regierungen der einzelnen Staaten kann es, aufgrund ökonomischer und touristischer Räson, von Interesse sein, eigenes kulturelles Erbe in die Listen der UNESCO einzutragen. Pietrobruno selbst vertritt allerdings die Ansicht, dass der Wert der verkauften und kommerzialisierten Kulturgüter vor Allem in der Verbindung mit den historischen Künsten liegt und somit zwar einerseits eine De-Kontextualisierung durch die Entbindung der angewandten Praktiken von den religiösen und spirituellen Erfahrungen, andererseits eine Einbettung in die kunsthistorischen Rahmenbedingungen stattfindet. Ob im Folgenden das immaterielle Kulturerbe an sich erhalten bleibt, oder nicht, liegt im Wesentlichen bei den praktizierenden Gruppierungen und nicht bei den staatlichen Organisationen. Allerdings wird, wer sich auf die Rahmenbedingungen bezieht, feststellen, dass Interessen, egal welcher Art, stets von der Qualität der zu erstellenden Listen und dem Konzept der Rangordnung abhängig sind.

Entgegen dem materiellen Kulturerbe beschäftigt sich das immaterielle Kulturerbe mit menschlichen Errungenschaften, die mit Umwelt und Gesellschaft in Zusammenhang gesehen werden müssen. Das erstellen von Listen führt durch Inklusion und Exklusion unumgänglich zur Wertung von kulturellem Erbe. Selbst wenn der von der UNESCO nach Rotationsprinzip wechselnde Ausschuss versucht regionale Ausgeglichenheit zu forcieren, kann dieser, aufgrund der kulturellen Diversität der Menschen und Gruppen keine ausreichende Vertretung sein. Dadurch entstehen regional definierte Leitkulturen, die über andere gestellt werden. Ähnliches geschieht auch auf nationaler Ebene.

Dabei sollte festgehalten werden, „dass kulturelle Praktiken stets gesellschaftlich bedingt sind und mit gesellschaftlichem Wandel – etwa dem Übergang von agrarischen zu industriellen Gesellschaften oder nun von Industriegesellschaften zu Informations- und weiter zu Wissensgesellschaften – auch diese Praktiken ihre Grundlage und ihren Bedeutungshintergrund verlieren. Sie leben nur dann fort, wenn auch sie transformiert und erneuert werden und einen neuen und bedeutungsvollen Platz im Leben der Menschen finden.“ (Hirsch, 2006)

Abschließend kann festgehalten werden, dass internationale Konventionen immer vom Willen und den Interessen der Staaten abhängig sind. Während etwa in einigen Staaten ausreichend Maßnahmen ergriffen wurden, um eine bestimmte kulturelle Diversität zu erfassen, können andere dies nicht für sich behaupten. Neben neuer Kommunikationsformen und der Frage nach Listen bleibt eine letzte Problematik, die allerdings nicht nur die Konvention, sondern auch UNESCO, die Vereinten Nationen und Staaten an sich betrifft. Die Frage nach der durch Immunität eingeschränkte Rechtspersönlichkeit Internationaler Organisationen vor dem internationalem Strafgerichtshof in Den Haag, ist eine Frage nach einer Re-Strukturierung der Staatenwelt; eine Frage nach mehr Zentralität im Sinne supranationaler Bündnisse, aber auch eine Frage nach mehr BürgerInnenbeteiligung im Sinne der Regionalisierung. Die Metaebene „Staat“ scheint nicht bloß im Kultur-, und Bildungssektor zunehmend an seine Grenzen zu gelangen. Es ist an der Zeit sich nachhaltig mit diese Thematik auseinander zu setzen und Maßnahmen zu ergreifen, die weitgehende Auswirkungen auf Menschen und deren Mitmenschen haben können. Der Kulturbereich, und insbesondere das immaterielle Kulturerbe geben hier den Vereinten Nationen und der UNESCO eine Möglichkeit, sich mit einer Reihe von allgemeineren Problemstellungen auseinanderzusetzen; ein Chance die, wie ich meine, genutzt werden sollte.

Referenzen

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