UR3ANIZE FESTIVAL – Diskussionsrunde zum Thema Zwischenraumnutzungsmanagement

Im Rahmen des UR3ANIZE Festivals wurde am 09.10.2012 eine Diskussionsrunde zum Thema Zwischenraumnutzungsmanagement abgehalten. Mit Impulsreferaten aus der Praxis wurden die HörerInnen in der Schraubenfabrik, Mutter der Coworking Spaces in Wien, auf eine Diskussion vorbereitet, die in die Wunden der Stadt Wien Salz zu streuen vermochte.

Jaap Draisma, Vertreter der HausbesetzerInnen-Szene in Amsterdam seit den 1970er Jahren, wies bereits zu Beginn seines Impulsreferates auf kritische Aspekte in Hinblick auf legalisierte, oder gar institutionalisierte Zwischennutzung hin.Ein historischer Überblick über die Geschehnisse mit Bezug auf Zwischennutzung und Hausbesetzung in Amsterdam könnte zunächst allerdings hilfreich sein.

In den 60’er Jahren hatte es in den Niederlanden eine überdurchschnittlich große HausbesetzerInnen-Szene gegeben, die über tausend Immobilien als ihr vorübergehendes Eigen bezeichnen konnte. Aufgrund Amsterdams weltoffener Haltung und Policy kam es in den 90’er Jahren zu einem starken Bauboom, der allerdings auch dazu führte, dass mit den ersten Anzeichen einer Immobilienkrise zu Beginn der Jahrtausendwende, eine Vielzahl an Gebäuden leer blieben. Insbesondere Bürotürme prägten das Stadtbild durch den eigenen Verfall, da nur wenige potentielle KäuferInnen auf dem normalen Immobilienmarkt aktiv wurden. 

In Anbetracht des Überschusses an leerstehenden Immobilien, erkoren die demokratisch gewählten Stadtväter Amsterdams 1999 eine spezielle „Breeding Place Policy“ zur eierlegenden Wollmilchsau. Unerwünschten Besetzungen konnte das Wasser abgegraben werden, Zwischennutzungen wurden umgesetzt, Raum für Start-up Unternehmen und insbesondere die Kreativindustrie wurde geschaffen, Kunst und Kultur im Stile der Wohlfahrt von den Straßen geholt, und gleichzeitig konnte das Stadtbild verschönert werden.

So weit so gut, dachten viele; die Stadt Amsterdam vermochte es Kapital daraus schlagen, seinen Subkulturen offiziell Raum zu verschaffen und auch den Querdenkern sozialen Raum zuzugestehen.

Jaap Draisma sieht die Entwicklungen der letzten Jahre allerdings durchwegs kritisch und warnt, dass auch in Amsterdam, eine Stadt die von und für ihre Subkulturen lebt, ist die besagte Policy zeitlich begrenzt, vielmehr läuft ihre Gültigkeit wohl bereits im nächsten Jahr aus, sodass die Präkarisierung der Raumbedürftigen erst in ein bis zwei Jahren ersichtlich wird. Wer in Formen der Zwischennutzung lebt genießt keine Rechte, keine Privacy – bloß Raum. Soweit zumindest die Prognosen von Jaap Draisma.

Die BesetzerInnen wurden erfolgreich gezähmt, ihres wichtigsten Instrumentes, sowie ihrer Postionierung innerhalb eines alternativen Netzwerkes beraubt. Die Kreativindustrie konnte eine Vielzahl an Projekten verwirklichen – aber prekär und zeitlich begrenzt, sowie losgelöst von jenem Umfeld, das langfristige Besetzungen in den 70’er und 80’er Jahren ermöglichte.Vor allem aber impliziert „Zwischennutzung“ eine Schwäche all jener die sich der neoliberalen Logik nicht beugen.

 

Institutionalisiertes Zwischennutzungsmanagement kann allerdings auch durchaus positive Ergebnisse erzielen, worauf Michael Ziehl, Mitglied der ZwischenZeitZentrale Bremen hinwies. Er machte insbesondere darauf aufmerksam, dass Zwischennutzung nicht nur eine rechtliche, formelle Idee ist, sondern vielmehr auch Raum für kritische Prozesse kreieren kann. Eine Projekten die im Rahmen der ZZZ durchgeführt wurden ergaben außerdem, dass auch die Kreativindustrie, durchaus auch ökonomischen Interessen folgen kann, selbst wenn ideelle Maximen oftmals als die erstrebenswerteren gelten. Als Problem gilt, dass der Bedarf auch aufgrund des ökonomischen Interesses oftmals als längerfristig, bzw. unbefristet definiert werden kann. Ähnlich stellt sich die Situation in Wien dar. Mara Verlic, Lektorin an der Technischen Universität Wien, fasste abschließend zusammen, dass alternative Mietverhältnisse insbesondere Menschen ansprechen, die alternative Nutzungsformen einen Raum geben möchten und auch eine bestimmte Form der Selbstbestimmtheit leben. In der anschließenden Diskussion wurden insbesondere die Umsetzung einer Breeding Place Policy, sowie das Einrichten einer Zwischennutzungszentrale für Wien diskutiert. 

Eine Zusammenfassung der Veranstaltung vom 08.10.2012 mit dem Themenschwerpunkt „Ökonomische Grundlagen der Stadtentwicklung kann hier aufgerufen werden.   

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